28.9.2019 · Südwest Presse · Christina Hölz, Otto Paul Burkhardt

Die Mauer des Schweigens bröckelt

Bad Urach | Elisabeth Kulman zählt zu den weltweit gefeierten Sängerinnen – und gilt als Revolutionärin in ihrer Zunft. Wir sprachen mit dem Musiktage-Star über Mut und Abhängigkeiten. Von Christina Hölz und Otto Paul Burkhardt

Das muss Elisabeth Kulman erst einer nachmachen. Als Mezzosopranistin ist sie bestens im Geschäft, singt an allen großen Opernhäusern von Wien bis Paris und debütiert 2010 mit „Orpheus und Eurydike“ bei den Salzburger Festspielen. Eine Erfolgsgeschichte. Doch dann kehrt Kulman 2015 dem szenischen Opernbetrieb unerwartet den Rücken. Und es ist nicht dieser Ausstieg allein, mit dem die heute 46-jährige Österreicherin von sich reden macht: Elisabeth Kulman gilt heute als eine Art Revolutionärin in ihrer Branche.

Die Burgenländerin spricht Missstände im klassischen Musikbetrieb offen an. Sexuelle Übergriffe gegenüber Sängerinnen gehören ebenso dazu, wie die schlechte Bezahlung für Künstler in der Opernwelt. So ging sie an die Öffentlichkeit, um gegen die von Intendant Alexander Pereira verordnete Abschaffung des Probengeldes bei den Salzburger Festspielen zu protestieren. Parallel hat die Sängerin die Kulturinitiative „art but fair“ mitgegründet, die sich für faire Arbeitsbedingungen einsetzt. Ein Ziel der Initiative ist es auch, sexuellen Missbrauch aufzudecken. Mit der SÜDWEST PRESSE sprach Elisabeth Kulman über ihren eigenen Weg im Konzertbetrieb und den Mut, den sie sich von der heutigen Sänger-Generation wünscht.

Frau Kulman, Sie haben einmal gesagt, Sie lieben das Unterwegssein. Wo sind Sie jetzt gerade? 

Zur Abwechslung in meiner alten Heimat Wien. Denn wir haben mit unserer Show LA FEMME C‘EST MOI gerade in der ausverkauften Wiener Staatsoper gastiert. Es war ein sehr emotionales Erlebnis für mich und auch das Publikum, das uns mit Standing Ovations bedankt hat.

In Wien, sagten Sie einmal, haben Sie Ihr Kleider- und Notenlager. Stimmt es, dass Sie keinen festen, ständigen Wohnsitz mehr haben? Ein freies Leben aus dem Koffer? 

Richtig. Seit gut fünf Jahren bin ich durchgängig auf Reisen und wohne dort, wo es mir gerade gefällt, und ziehe weiter, wenn ich dazu Lust habe. In meinem Koffer habe ich immer alles Nötige dabei.

Alle reden von #MeToo. Sie haben als weiteren Schritt die Initiative „Voice It!“ gegründet. Wo liegen die Unterschiede?

„Voice it!“ ist unsere Initiative gegen Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe im Opern- und Klassikbetrieb. Wir treten ein für eine Kultur der Würde, des Respekts und der Gerechtigkeit. Wir ermutigen Betroffene, aus der Anonymität herauszutreten und Missstände beim Namen zu nennen. Unsere Solidargemeinschaft gibt hierbei Unterstützung.

Es gab den Fall Gustav Kuhn, jüngst sind auch Anschuldigungen gegen Placido Domingo laut geworden. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein?

So wie es aussieht, ist das erst der Anfang. Die Mauer des Schweigens bröckelt zunehmend. Betroffene werden nicht länger den Mund halten.

Oft liegen die Vorgänge über 30 Jahre zurück. Und es gibt Kritik daran, dass die mutmaßlichen Übergriffe erst jetzt vorgebracht werden. Wie stehen Sie dazu?

Missstände müssen angesprochen werden – besser spät als nie. Bedauerlich ist, dass die meisten Menschen offensichtlich zum Kuschen erzogen wurden und nie gelernt haben, sich im Moment des Geschehens zur Wehr zu setzen. Die jetzigen Generationen müssen das dringend lernen. Auch dafür steht „Voice it!“.

Beim Uracher Musikherbst gastieren Sie mit dem Abend LA FEMME C’EST MOI. Ein Programm, das in der Wiener Staatsoper, aber auch in Japan erfolgreich war und von Mozart bis Webber, von Wagner bis zu den Beatles reicht. Was macht für Sie den Reiz dieses Programms aus?

Für mich und meine Band ist das Reizvolle sicherlich das lustvolle Navigieren durch die unterschiedlichen Musikstile und Emotionen. Wir genießen das gemeinsame Musizieren – ich habe mir ja lauter fantastische, hochkarätige MusikerInnen von Klassik über Klezmer bis Jazz in mein Team geholt. Es ist wohl unsere Freude, die spürbar ist und die sich auf das Publikum überträgt. Wenn danach die Menschen mit strahlenden Gesichtern zu uns kommen und sich bedanken, dann ist das wunderschön, dann haben wir das Gefühl, etwas richtig gemacht zu haben.

Sie führen bei diesem Programm praktisch selbst Regie, haben das Konzept und Ideen wie die Lichtshow entwickelt. Heißt das, Sie setzen grundsätzlich lieber ihre eigenen Gedanken um – anstatt die der anderen? 

Das kann ich nur jedem ans Herz legen, sich mit den eigenen Gedanken und Ideen zu beschäftigen. In jedem Menschen steckt so viel Potenzial, ganz oft ist es leider verschüttet oder überlagert. Dieser Abend ist auch ein Plädoyer für die eigene Kreativität, sich etwas zu trauen, was vorher noch niemand gemacht hat, soll Mut machen. Der Erfolg gibt uns Recht.

Bei LA FEMME C’EST MOI gilt es auch, die jeweiligen Genres – Oper, Lied, Musical, Pop, Jazz – stilecht zu singen. Pop geht ja nicht mit Opernstimme – können Sie kurz andeuten, wie sich die Stimmcharakteristiken unterscheiden? 

Das Klangideal in der Oper ist der Kunstgesang, der jahrelanges, wenn nicht jahrzehntelanges Training braucht. Im Pop ist die direkte, ungekünstelte Tongebung gefordert. Mein Arrangeur Tscho Theissing hat die Bearbeitungen so geschickt gemacht, dass ich auch die Pop-Songs ohne Mikrofon singen kann. So kommen wir wie ein klassisches Ensemble ohne Verstärkung aus.

Der zweite Teil des Abends trägt die Überschrift „Empowerment“ – was hat es damit auf sich? 

Im Gegensatz zum eher sanften ersten Teil mit Reflexionen über die Liebe geht es im zweiten Teil ordentlich zur Sache. Da kämpfen Mann und Frau gegeneinander, es gibt Täter und Opfer in wechselnden Rollen, Macht und Mord. „empowerment“ heißt in etwa Ermächtigung, im Sinne von: Ich nehme das Ruder in die Hand und übernehme die volle Verantwortung für alles, was ich tue. Das wünsche ich mir für alle Menschen.

Sie selbst haben in etlichen Programmen die engen Grenzen des Klassik-Repertoires geöffnet, auch in Richtung Pop, Jazz und Musical. Liegt darin auch ein Weg, mehr junges Publikum für Klassik zu gewinnen? 

Ich glaube, klassische Musik wird immer ihre Fans haben und gehört werden wollen, weil sie genial ist. Bevor nicht jemand etwas Besseres erfindet, brauchen wir uns um die Zukunft der Klassik keine Sorgen machen.

Seit 2015 sind sie aus dem szenischen Opernbetrieb ausgestiegen, konzentrieren sich also auf Konzert, Lied, konzertante Oper und eigene Programme – was waren die Gründe für diese Entscheidung? Lässt sich Ihre Entscheidung auch als Kritik am Regie- und Opernbetrieb interpretieren oder ging es eher darum, den negativen Stress rauszunehmen?

Es gibt im Opernbetrieb sicher genug Verbesserungspotenzial, doch in meinem Fall war es hauptsächlich die künstlerische Eigenständigkeit, nach der ich mich sehnte. Ich hatte immer viele Ideen, in der Umsetzung fühlte ich mich aber sehr eingeschränkt. Mit dem Abschied von der Oper habe ich mir nun den Freiraum geschaffen, den ich als Mensch und als Künstlerin zur Entfaltung brauche. Ich bin sehr glücklich.

Ist es richtig, dass Sie dennoch am 18. März 2020 in Sven-Eric Bechtolfs (szenischer) „Walküre“ an der Wiener Staatsoper die Fricka singen? Planen Sie eine Rückkehr in den szenischen Opernbetrieb?

Das wird eine einmalige Ausnahme bleiben – als Dank an das Wiener Publikum, von dem ich mich wegen meines abrupten Abgangs nie richtig verabschiedet habe. Das möchte ich nun nachholen.

Sie sagten einmal, ab Oktober singen sie gerne nur in warmen Gefilden? Wie wappnen Sie sich gegen die herbstliche Kälte auf der Schwäbischen Alb in Bad Urach?

Direkt danach geht‘s in den Süden ans Meer.

Wo und wie entspannen Sie am besten? 

In der Natur, in der Wärme (Sauna geht zur Not auch), beim Gehirn-Ausschalten.

https://www.swp.de/suedwesten/landkreise/ermstal/kritische-saengerin-gastiert-bei-den-herbstlichen-musiktagen-in-bad-urach-mezzo-sopranistin-elisabeth-kulman-ueber-_metoo_-faire-loehne-und-abhaengigkeiten-im-opernbetrieb-38448474.html

(Veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung der Südwest Presse / Christina Hölz.)

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